
Big Love ist eine HBO-Serie, die ich mir in den letzten Wochen angesehen habe. Aus unerfindlichen Gründen ist sie in Deutschland ziemlich unbekannt, obwohl fast alle anderen HBO-Produktionen hier seit Jahren abgefeiert werden. Könnte es am Thema liegen? Es geht um den Mormonen Bill Henrickson, der mit seiner Familie in einer Kleinstadt in Utah lebt: mit drei Frauen und etlichen Kindern. Da diese Praktik von der mormonischen Kirche abgelehnt wird (seit 1890, damit Utah der Union beitreten konnte), muss die Familie ihre wahren Lebensumstände vor der Gesellschaft geheimhalten. Das führt zu allerlei interessanten Konflikten, zudem werden die sozialen Zwänge einer Vielehe thematisiert – und was da für ein Rattenschwanz an Problemen dranhängt.
Eine spannende Idee also, wenn mich einer fragt. Ich war mir anfangs nicht so sicher, ob die Ausgangslage reicht, um fünf Staffeln damit zu füllen, aber das geht sehr gut. Die Serie entwickelt sich von Staffel zu Staffel weiter, stagniert nicht, greift neue Elemente auf, fügt neue Facetten hinzu. Die ersten drei Staffeln sind fantastisch, die vierte leider ziemlich enttäuschend mit sinnlosen Charakterwendungen und gezwungenen Entwicklungen, die fünfte beendet die Serie aber versöhnlich. A propos beenden: Der Schluss ist der traurigste, den ich jemals in einer Serie gesehen habe. Ich hatte ein anderes Ende erwartet, aber dieses ist ebenfalls gut, vielleicht sogar noch besser.
Und genau das ist die große Stärke von Big Love: die offensichtlichen Dinge passieren einfach nicht, stattdessen werden immer andere Lösungen gefunden und andere Wege vom Drehbuch eingeschlagen. Ich hoffe sehr, dass diese Autoren bald was Neues schreiben dürfen (die Serie lief im letzten Jahr in den USA aus). Denn die sind wirklich gut. Die Charaktere, die sie erschaffen haben, sind allesamt glaubwürdig, und keiner ist eindimensional. Immer, wenn man glaubt, sich eine Meinung über jemanden gebildet zu haben, gibt es eine Verschiebung und man kann seine Einschätzung wieder ad acta legen. Je mehr Hintergründe man kennen lernt, desto mehr Verständnis hat man auch für die Figuren. Toll! Nur in der vierten Staffel, da übertreiben sie es so, dass man die Wendungen teilweise nicht mehr nachvollziehen kann.
Ein Wort noch zu den Schauspielern: durch die Bank große Klasse. Am allerbesten gefällt mir Grace Zabriskie als Bills Mutter Lois. Die hat irritierenderweise bis heute keinen einzigen Film- oder Fernsehpreis gewonnen, obwohl sie schon 70 ist und grandios spielt. Frechheit!
Die Serie hat mir so gut gefallen, dass ich direkt noch mal von vorne begonnen habe.